Mamas mit Migräne

Mutter zu sein ist nicht leicht. Aber das Muttersein mit einer chronischen Krankheit wie der Migräne in einen Einklang zu bringen, ist um einiges schwieriger. Wie schwierig sich das gestalten kann, erklärt Mona in diesem Artikel.

Heute ist Muttertag. Ein Tag, an dem wir alle Mamas auf der ganzen Welt feiern und von Herzen Danke sagen sollten. Danke, dass ihr uns das Leben geschenkt habt, dass es euch gibt und dass ihr immer für uns da seid!

Unter anderen Umständen würde ich heute zu meiner Mama fahren und sie ganz fest in den Arm nehmen. Doch in Zeiten von Corona ist das untersagt. Aus Schutz der Risikogruppen und um Infektionsketten zu unterbrechen, verzichten wir derzeit auf Treffen und Umarmungen unserer Liebsten. Das fällt wahrscheinlich nicht nur mir unglaublich schwer.

Doch nicht nur die warmen Umarmungen bleiben aus. Für viele Berufstätige fällt auch die Betreuung für ihre Kinder weg, weil Schulen und Kitas geschlossen sind. Normalerweise würde man in solch einem Fall z.B. die Großeltern, die vielleicht bereits in Rente sind, um Unterstützung bitten.

Meine Eltern und Schwiegereltern würden jederzeit einspringen, um die Betreuung für meinen Sohn für ein paar Stunden zu übernehmen. Allerdings fällt diese Möglichkeit zurzeit weg. Was macht man also, wenn man beruflich oder gesundheitlich auf ein soziales Netzwerk angewiesen ist, das man aufgrund von Corona aktuell nicht in Anspruch nehmen kann?

Ich dachte, die Stillzeit mit Migräne wäre schon schlimm…Doch dann kam das Kleinkindalter.

Mittlerweile ist mein Sohn 1,5 Jahre alt. Leo ist ein wunderbares Kind, er ist so aufgeschlossen, kommunikativ, fröhlich, mutig und ein kleiner Wirbelsturm. Mit seiner wuseligen Art und Weise hält er uns tagtäglich ordentlich auf Trab.

Doch so schön das Kleinkindalter auch ist, so anstrengend kann es auch sein. Wer von euch ebenfalls Kinder hat wird sicher verstehen was ich meine. Leo kommt mittlerweile überall dran, seine Reichweite und sein Einfallsreichtum überraschen mich immer wieder. Er räumt alles aus, schmeißt alles von Tischen oder Fensterbänken, klettert überall drauf und brabbelt dabei in einer Lautstärke, die manchmal ganz schön laut sein kann.

Auch wenn es unglaublich schön ist, Leos täglichen Entwicklungsschritte und neuen Fähigkeiten zu beobachten und zu begleiten, und ich manchmal vor Stolz platze, weil er dabei auch noch so unfassbar süß aussieht…

…An Tagen, an denen ich Migräne habe, wünschte ich mir, ich wäre kinderlos.

Das mag hart klingen, ja. Aber wenn jeder Schritt, jedes kleinste Geräusch, mein Hirn zum Platzen bringt, kann ich nicht anders. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, wie es sein muss, während einer Migräne-Attacke ein Kleinkind zu betreuen. In der Stillzeit konnte ich mich einfach den gesamten Tag ins Bett verkriechen, Leo schlief die meiste Zeit und war zufrieden. Wenn er Hunger hatte, gab’s die Brust – nicht einmal dafür musste ich aufstehen.

Aber jetzt sieht das ganze ziemlich anders aus.

Ich kann mich keine Sekunde hinlegen, ich muss meinem Sohn hinterher rennen, muss ihn vor Gefahren beschützen, muss ihm sein Frühstück und Mittagessen zubereiten, er fordert und fordert und versteht natürlich nicht, dass Mama eigentlich ihre Ruhe bräuchte. Wenn er mal wieder mit seinen Kochlöffeln auf die Töpfe haut oder mit seinen Rasseln klimpert, versteht er nicht, wieso ich ihm die Spielsachen wegnehme.

Natürlich versuche ich ihm meine Handlungen zu erklären, natürlich biete ich ihm ruhigere Spielalternativen an – aber in der Phase, in der er gerade steckt, wird er schnell wütend, weint, schreit und ist endlos frustriert.

Dann tut er mir wahnsinnig Leid, weil ich das Gefühl habe ungerecht zu sein, unfair ihm gegenüber. Ich fühle mich schuldig, weil ich ihm nicht die Aufmerksamkeit schenken kann, die er verdient hat, weil ich nicht die Spielpartnerin sein kann, die er sich wünscht, weil ich gereizt reagiere, und er nicht weiß warum.

Vor einigen Wochen noch, schlief unser Sohn nur in unserem Arm ein, wenn wir uns mit ihm hinlegten. Das dauerte meist so 10-20 Minuten. Es gab aber auch Nächte, an denen das nicht klappte und er nur von mir ins Bett gebracht werden wollte. An Abenden, an denen ich dann auch noch Migräne hatte, lag ich also mit unserem weinenden und schreienden Kind auf dem Sofa und sang ihm unter heftigsten Schmerzen Gute-Nacht-Lieder vor.

Auch für Leo muss es schlimm sein, seine Mama so leiden zu sehen. Mitzubekommen, wie ich schmerzgekrümmt und weinend über der Schüssel hänge. Zwischen Übelkeit, Erbrechen, unerträglichen Schmerzen, Verzweiflung und Hilflosigkeit ist kein Platz für ein Kind.

Aber das Kind ist eben da.

Ein 24/7 Multi-Job

Mama-Sein mit Migräne verlangt einem alles ab. Es kostet Kraft, Nerven und lässt einen innerhalb eines Tages um mindestens zehn Jahre altern. Ich habe den größten Respekt vor allen Mamas und Papas – ob mit oder ohne Migräne – die täglich diesen anstrengenden Multi-Job so hervorragend leisten, vor allen Mamas und Papas, die gleichzeitig FamilienmanagerIn, Wasch- und Putzkraft, Koch oder Köchin, TaxifahrerIn, KrankenpflegerIn, TherapeutIn, NachhilfelehrerIn, AnimateurIn sind.

Doch meinen allergrößten Respekt habe ich vor Alleinerziehenden mit chronischer Erkrankung wie Migräne! Ihr seid wahre Superhelden!

Das Glück, einen verlässlichen Partner zu haben

Wenn ich Migräne habe, vergehen gefühlt Jahre, bis mein Mann endlich Feierabend hat. Ich schaue alle fünf Minuten auf die Uhr und kann es kaum abwarten, bis ich den Schlüssel im Schloss höre. Doch selbst, wenn mein Mann dann Zuhause ist, ist es an manchen Tagen schwierig, sich abzukapseln. Wir wohnen in einer kleinen ebenerdigen Dreizimmerwohnung und Leo weiß, dass ich da bin. Er kriegt mit, wenn ich mich ins Schlafzimmer zurückziehe und ihm fällt es, verständlicherweise, sehr schwer, zu verstehen, warum er nicht mit ins Schlafzimmer kommen, warum Mama nicht mit ihm spielen kann.

Wenn die beiden einen Ausflug machen, wenn sie Oma und Opa besuchen oder auf den Spielplatz gehen, erst dann herrscht Ruhe! Ich höre nicht, wie er weint und an der Tür hämmert, ich höre nicht, wie er schreit, wenn er sich wehgetan hat, ich höre nicht, wie er mit seinen Spielsachen Krach macht. Ich kann mich auf mich konzentrieren und versuchen die unerträglichen Schmerzen irgendwie auszuhalten und die Attacke zu überstehen. 

Regelmäßiger Schlaf? Nicht mit Kleinkind.

In jedem Migräne-Ratgeber liest man, wie wichtig Routinen und ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus sind, doch seit ich Mama bin, weiß ich, dass das – zumindest im Kleinkindalter – kaum umsetzbar ist.

Die Qualität meines Schlafes hängt maßgeblich von der Nacht meines Sohnes ab.

Zwar kann ich darauf achten, um eine ähnliche Uhrzeit abends ins Bett zu gehen, doch wie meine Nacht wird und wann ich morgens aufwache, liegt in den Händen von Leo. Mal beendet er die Nacht um 5, mal um 6, an anderen Tagen um 7, und wenn wir Glück haben erst um 8 oder halb 9. Ab und zu kommt es auch vor, dass er mitten in der Nacht aufwacht und für 1 bis 2 Stunden putzmunter vor sich hin brabbelt. Von regelmäßigem Schlaf kann also noch nicht die Rede sein.

Die Angst, Migräne zu vererben

Ich habe die Migräne wahrscheinlich von meiner Mutter geerbt, sie litt als junge Erwachsene ebenfalls unter Migräne-Attacken, die dann aber nach ihrer ersten Schwangerschaft so gut wie verschwanden. Das Glück hatte ich leider nicht. Bei mir variiert die Schwere und Häufigkeit meiner Attacken zwar, aber von einer deutlichen Verbesserung kann leider nicht die Rede sein.

Natürlich beschäftigt mich da auch die Angst, die Migräne eventuell an meinen eigenen Sohn vererbt zu haben. Besonders weil mein Mann selbst ebenfalls schon die ein oder andere Migräne-Attacke mit Aura durchleben musste.

Auch wenn Männer generell seltener von Migräne betroffen sind als Frauen, lässt sich im Kindesalter kein Unterschied zwischen der Geschlechterverteilung feststellen.

Im Kindesalter haben circa 4-5 Prozent der Kinder Migräne. Mädchen und Jungen sind bis zur Pubertät gleich häufig betroffen. In der Pubertät tritt die Erkrankung aufgrund von hormonellen Schwankungen und dem Einsetzen der Menstruation bei Mädchen häufiger auf. Bei manchen verschwinden die Attacken nach der Pubertät, doch die meisten haben sie auch noch als Erwachsene.

Ohne Hilfe geht es nicht!

Die Erkenntnis es ohne Hilfe von Außen nicht zu schaffen, ist nicht schön. Sie ist schwierig zu akzeptieren. Doch umso wichtiger ist es, auch zum Wohle des Kindes, über den eigenen Schatten zu springen und um Hilfe und Unterstützung zu bitten, wenn es nötig ist.

Gerade für MigränikerInnen, bei denen eine Aura die Attacke ankündigt und unter Umständen Sprach-, Wahrnehmungs-, Sehstörungen und Lähmungserscheinungen auftreten, besteht tatsächlich die Gefahr, sich nicht mehr richtig um sein Kind kümmern und der Aufsichtspflicht nachkommen zu können.

Doch nicht jede Mutter oder Vater hat solch ein familiäres Netz. Ich habe zwar Familie und Freunde, die im Notfall einspringen könnten, die ich bei Bedarf jederzeit anrufen und um Hilfe bitten könnte, aber…

Ich mache es auch viel zu selten, ich überlege mir dreimal, ob ich mich melde, weil ich mir wie eine Belastung vorkomme und versuche es erst einmal alleine zu schaffen.

Außerdem schwirrt immer die Angst mit, in der kommenden Zeit erneut Hilfe zu brauchen, und dann nicht nochmal fragen zu können. Natürlich könnte ich das, aber die Überwindung ist dann eine noch größere.

Eine Auszeit nehmen

Für kopfschmerzgeplagte Eltern gibt es spezielle Angebote, um sich mal eine Auszeit zu nehmen, um neue Kraft und Energie zu tanken, um dem stressigen Alltag für eine kurze Zeit zu entkommen. Eine Mutter-Kind-Kur bzw. eine Vater-Kind-Kur. Eine solche Eltern-Kind-Kur bietet die ideale Möglichkeit, den eigenen Lebensstil zu reflektieren und neue Wege auszuprobieren.

Egal ob in den Bergen oder an der See: Ziel ist es sich Zeit für sich zu nehmen und sich selbst wieder in den Fokus zu rücken!

Mutter-Kind-Kuren und Vater-Kind-Kuren sind Pflichtleistungen der gesetzlichen Krankenkassen, da sie, nach dem Sozialgesetzbuch, der medizinischen Vorsorge und medizinischen Rehabilitation dienen. Es ist lediglich eine Zuzahlung von 10€ pro Tag fällig. Beim Arbeitgeber besteht in dieser Zeit ein Anspruch auf Entgeldfortzahlung und die Eltern-Kind-Kur wird nicht auf die Urlaubstage angerechnet. Jeder gesetzlich Versicherte hat alle vier Jahre Anspruch auf solch eine Kur.

Was kann helfen?

Abgesehen vom beinahe unerlässlichen sozialen Netz, dass man im Notfall um Hilfe bitten sollte, gibt es durchaus auch präventive Maßnahmen, die helfen können, die Anzahl der Attacken zu reduzieren oder die Stärke der Migräne zu verringern. Neben medikamentösen Prophylaxen, können auch eine Vielzahl an nicht-medikamentösen Methoden wie z.B. regelmäßigem Ausdauersport, Entspannungsübungen, Atemmeditation, Yoga, das Führen eines Kopfschmerztagesbuchs oder Triggermanagement Linderung verschaffen und vorbeugend wirken.

Diese Methoden zielen auf die Reduktion der Anfallsbereitschaft ab. Für M-sense Active haben wir bewährte Entspannungsübungen mobil verfügbar gemacht. Dazu gehören Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Autogenes Training und Atem-Meditation. Zahlreiche Studien zeigen, dass die regelmäßige Anwendung solcher Entspannungstechniken langfristig die Anzahl der Attacken deutlich reduzieren kann. Zusätzlich werden Schulter- und Nackenverspannungen verbessert und Bluthochdruck gesenkt.

Durchhalten!

Und ansonsten bleibt einem einfach noch die Hoffnung, dass es besser wird, wenn der Kleine etwas größer ist, und mehr Rücksicht auf seine Mama nehmen kann.

Und bis dahin heißt es: DURCHHALTEN!

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