Ist chronische Migräne eine Behinderung?

Unsere Autorin Miriam erzählt euch in diesem Artikel warum es Sinn machen kann mit Migräne einen Behindertenausweis zu beantragen - und warum sie selber nie auf die Idee gekommen wäre.

Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, dass ihr wegen eurer Migräne oder wegen eurer Spannungskopfschmerzen behindert sein könntet? Und wusstet ihr, dass ein Behindertenstatus unglaublich viele Vorteile bzw. so genannte Nachteilsausgleiche mit sich bringen kann? Ich habe mittlerweile einen Schwerbehindertenausweis und bin echt froh darüber. Wie es dazu gekommen ist und warum ich ihn trotz anfänglicher Zweifel doch beantragt habe, davon berichte ich euch in diesem Artikel.

Wie ich dazu kam, einen Behindertenausweis zu beantragen….

Trotz der unglaublichen Einschränkungen durch meine Migräne wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass ich behindert oder gar schwerbehindert sein könnte. Erst in einer Klinik hat man mich darauf hingewiesen und mich überzeugt, einen Antrag zu stellen. Anfänglich fühlte ich mich doch etwas vor den Kopf gestossen: „Ich? Behindert?“ Man denkt ja zuallererst immer an Menschen, denen man ihre Behinderung ansieht z.B. Menschen im Rollstuhl oder Menschen mit Down-Syndrom.

Meine Erkrankung ist schon sehr einschränkend aber eben nicht sichtbar. Ich fühlte mich auf jeden Fall nicht behindert genug und lehnte zunächst ab. Ich fand es irgendwie merkwürdig, dass mir die Beantragung vorgeschlagen wurde und fühlte mich auch irgendwie abgestempelt. Denn da gab es doch nun wirklich andere, denen es wesentlich schlechter ging als mir, oder etwa nicht? Und was sollte mir ein Behindertenstatus überhaupt bringen?

Erst als ich in den Folgetagen mit anderen Kopfschmerz-Patienten und Patientinnen sprach, merkte ich, dass viele von ihnen, die sogar wesentlich weniger Schmerztage als ich hatten, einen Behindertenausweis besaßen oder den Behindertenstatus gerade beantragt hatten. Erschreckend war auch zu sehen, dass viele von ihnen seit mehreren Jahren keine Besserung erfuhren und bereits zum zweiten oder dritten Male in der Klinik waren.

Ich ging damals noch davon aus, dass diese extreme Verschlechterung meiner Migräne zeitlich ein sehr begrenzter Zustand ist und dass meine Migräne sich sicher bald bessern würde. Aber schlussendlich musste auch ich mir während dieses Klinikaufenthalts eingestehen, dass sich meine Migräne in den letzten Jahren drastisch verschlimmert hatte und ich nun schon seit einiger Zeit ernsthafte Probleme hatte. Ich war mit meinem Latein und meinen Nerven am Ende. Nicht umsonst hatte ich mich nach länger Quälerei endlich krank schreiben lassen und war in der Klinik gelandet.

Ich litt unter einer chronischen Migräne mit Aura sowie Spannungskopfschmerzen und 20 bis 25 Schmerztagen im Monat. Meine Selbstständigkeit hatte ich in den letzten Jahren peu à peu aufgeben müssen, da es mit den häufigen Kopfschmerzen einfach nicht mehr möglich war, Seminare zu geben. Ich stand teilweise bis zu acht Stunden auf der Seminar-„Bühne“ und das ging selbst mit dem stärksten Triptan nicht mehr. Schließlich hat man ja bei Migräne nicht nur Kopfschmerzen, sondern auch noch diverse andere Symptome. Erst bin ich nur halb auf ein Angestelltenverhältnis gewechselt, dann irgendwann ganz. Das war für mich extrem hart, denn ich hatte meine Berufung nach meinem Studium gefunden. Dachte ich!

Auch in meinem Privatleben zog ich mich immer mehr zurück. Alles war mir zuviel, häufig musste ich ja eh wegen der Migräne im Bett liegen. Aber auch an Migräne-freien Tagen war ich einfach nur noch ausgelaugt und zu energielos um Freunde zu treffen. Zudem regierte die Angst, ständig was falsch zu machen, gewisse Auslöser wie z.B. plötzliche Wetterwechsel oder passiv rauchen nicht vermeiden zu können und wieder einen Anfall zu bekommen.

Neben den Patienten machten mir auch die Ärzte der Klinik immer wieder klar, dass ich an einer extrem schweren Form der Migräne litt und dass es sicherlich etwas Zeit benötigen würde bis man die entsprechende Prophylaxe finden würde. Und selbst das sei nicht immer gegeben.

Bei meinem zweiten Gespräch mit der Sozialarbeiterin war meine erste Frage dann auch gleich “Was genau bringt mir denn eigentlich ein Behindertenausweis?”

Nachdem Gespräch und nachdem ich dann auch endlich mal die Informationsbroschüre zum Thema Behinderung bis zum Ende durchgelesen hatte, verstand ich dann auch, dass ein Behindertenstatus eigentlich nur Vorteile für mich hat und dass ich mich ja in jeder Situation frei entscheiden kann, ob ich den Ausweis vorzeigen möchte oder nicht.

Merke: Wenn du an einer besonders schweren Verlaufsform der Migräne leidest, kannst du einen Behindertenstatus beantragen.

Was ist überhaupt eine Behinderung?

Eine Behinderung ist im Neunten Sozialgesetzbuch (SGB IX) wie folgt definiert:

„Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist.“

Eine etwas merkwürdige Definition aber ja, ich war durch meine Migräne und Spannungskopfschmerzen definitiv schon länger als sechs Monate extrem beeinträchtigt. Das konnte ich nicht von der Hand weisen. Und dass es anderen in meinem Alter besser ging als mir, durfte ich in meinem sozialen Umfeld täglich beobachten.

Warum macht es Sinn den Behindertenstatus zu beantragen?

Menschen mit einer anerkannten Behinderung haben einen Anspruch auf sogenannte Nachteilsausgleiche. Typische Nachteilsausgleiche für Migräne-Betroffene können beispielsweise sein:

  • Steuerfreibetrag
  • Sonderkündigungsschutz
  • Sonderurlaub
  • Altersrente für Schwerbehinderte
  • Möglichkeit Überstunden abzulehnen

Es gibt noch weitere Ausgleiche, wie z.B. einen Parkausweis oder die Befreiung von der Kfz-Steuer, die jedoch bei chronischer Migräne alleine nicht vergeben werden, sondern eher bei einer Gehbehinderung. Denn die Nachteilsausgleiche sind abhängig von der Art der Behinderung (z.B. Gehbehinderung oder psychische Behinderung) und dem Grad der Behinderung (GdB).

Mit einem Grad der Behinderung von 50 hat man z.B. einen steuerfreien Pauschbetrag von 570 Euro, Sonderkündigungsschutz, einen Sonderurlaub von einer Woche zusätzlich im Jahr und (unter bestimmten Voraussetzungen) das Recht bereits mit 60 Jahren in die Altersrente zu gehen. Zusätzlich kann man z.B. eine Vergünstigung des Rundfunkbeitrages beantragen. Es lohnt sich also den GdB zu beantragen, gerade wenn man durch seine Erkrankung auch finanziell beeinträchtigt ist oder Angst haben muss, wegen erhöhter Fehlzeiten seine Arbeitsstelle zu verlieren.

Was ist der Grad der Behinderung (GdB)?

Der Grad der Behinderung beziffert die Schwere der Behinderung und wird mit den Buchstaben GdB abgekürzt. Er variiert zwischen 20 und 100 und steht nicht, wie man denken könnte, für einen prozentualen Anteil. Man hat also nicht einen GdB von 40% sondern einfach einen GdB von 40. Ab einem GdB von 50 gilt man als schwerbehindert und kann einen Schwerbehindertenausweis beantragen.

In dieser Tabelle1 findest du eine Übersicht, welche Verlaufsform eine chronische Migräne haben kann und welcher GdB bemessen werden kann:

je nach Häufigkeit und Dauer der Anfälle und Ausprägung der Begleiterscheinungen (z.B. Aura)GdB
leichte Verlaufsform (Anfälle durchschnittlich einmal monatlich)0-10
mittelgradige Verlaufsform (häufigere Anfälle, jeweils einen oder mehrere Tage anhaltend)20-40
schwere Verlaufsform (langdauernde Anfälle mit stark ausgeprägten Begleiterscheinungen, Anfallspausen von nur wenigen Tagen)50-60

Wie wird der Grad der Behinderung bestimmt?

Der Grad der Behinderung wird auf Antrag durch ärztliche Gutachter festgestellt. Wenn mehrere Beeinträchtigungen vorliegen, wie beispielsweise in meinem Fall eine chronische Migräne, Spannungskopfschmerzen und Depressionen wird ein Gesamt-GdB bemessen.

Man erklärte mir zudem, dass ich verpflichtet bin, Änderungen -egal ob Verschlechterungen oder Verbesserungen- dem Amt mitzuteilen. Zudem ist der Ausweis zeitlich begrenzt. Es würde also regelmäßig Nachkontrollen geben. Wobei regelmässig anscheinend relativ ist, denn mein Ausweis wurde am 18.08.2015 ausgestellt (allerdings wurde der rückdatiert – ich glaube, ich habe die Bestätigung erst ein halbes Jahr später erhalten) und ist bis zum Mai 2022 gültig. Das ist ja doch ein relativ langer Zeitraum, wie ich finde. Kann aber sein, dass das je nach Krankheitsbild unterschiedlich ist.

Worauf sollte man bei der Antragsstellung achten?

Der Antrag kannst du online oder direkt beim Versorgungsamt deiner Gemeinde oder Stadt stellen. In meinem Fall hatte der soziale Dienst der Klinik den Antrag vorliegen und hat ihn mit mir zusammen ausgefüllt. Soweit ich mich erinnere war es aber nicht sonderlich kompliziert.

Mehr zur Hilfe durch die Kopfschmerz- & Migräne-App M-sense

Wenn du das Kopfschmerztagebuch unserer Kopfschmerz- & Migräne-App M-sense benutzt, kann auch das Kopfschmerzmuster (die Analyse deiner Kopfschmerzeinträge) sowie der praktische Arztreport nützlich sein. Letzteren kannst du übrigens direkt aus der App ganz automatisch an deinen zuständigen Arzt übermitteln lassen. Er enthält Informationen zu deinen Kopfschmerzattacken mit Schmerzstärke, Dauer, Anzahl der Kopfschmerztage sowie eingenommenen Medikamente.

Wenn du irgendwelche weiteren chronischen Leiden (sogenannte Komorbiditäten) hast, solltest du sie auf jeden Fall mit auflisten und dir auch von ärztlicher Seite bestätigen lassen. Wenn du gerade in einer Klinik bist oder mal in einer warst, werden alle Diagnosen im Entlassungsbericht notiert. Und bitte vermerke auch ganz genau, inwiefern dich die Krankheit im Beruf und im Alltag einschränkt. Ärztliche Atteste oder Entlassungsberichte musst du dem Antrag zwar nicht beilegen aber sie werden von den zuständigen Ämtern ggfs. selber bei den Ärzten und Kliniken angefordert. Daher kann es in jedem Fall hilfreich sein, regelmäßig zum Arzt zu gehen und auch einen zuständigen Neurologen zu haben. Diese Ärzte sollten im Antrag angegeben werden.

Als Hilfestellung gibt es eine praktische Checkliste für die Beantragung eines GdB.

Die durchschnittliche Bearbeitungszeit eines Erstantrags liegt je nach Versorgungsamt bei bis zu drei Monaten. Daher stell dich auf ein wenig Wartezeit ein. Zudem kann es sein, dass du anfänglich einen recht niedrigen GdB erhältst. Es ist leider so, dass es häufig sinnvoll ist, Einspruch zu erheben. Das habe ich auch getan und wurde von einem anfänglichen GdB von 40 auf 50 hochgestuft. Und wenn ich mir die oben abgebildete Tabelle zu den Anhaltswerten bei Migräne anschaue, kann ich mich da auch guten Gewissens einordnen. Allerdings hätte ich auch diesen Einspruch nie ohne die Klinik erhoben. Die Sozialarbeiterin war auch nach dem Klinikaufenthalt noch für mich Ansprechpartnerin und meinte gleich: “Sofort Einspruch erheben! Das ist ja ne Frechheit.” Sie sah mich eh eher bei einem GdB von 60 bis 70 und war auch mit der 50 nicht zufrieden. Ich hatte jedoch keine Lust ein erneutes Mal Einspruch zu erheben.

Kann ich den Grad der Behinderung auch rückwirkend beantragen?

Wenn es dafür einen bestimmten Grund gibt und du entsprechende Nachweise (z.B. Arztberichte) hast, kannst du den GdB auch rückwirkend beantragen (siehe § 152 (1) Satz 2 SGB IX). Gründe dafür könnten z.B. die rückwirkende Gewährung von Nachteilsausgleichen z.B. des Kündigungsschutzes oder der Ermäßigung von Steuern oder des Rundfunkbeitrags sein.

Sollte sich dein Zustand verschlechtern, kannst Du dies natürlich angeben und einen höheren GdB beantragen.

Für weitere Informationen wende dich am besten an das Versorgungsamt oder an den Sozialverband VdK Deutschland e.V. Dort gibt es umfangreiche Broschüren, in denen alles nochmal haargenau erklärt wird.

Wie lebt es sich mit Behindertenstatus bzw. Behindertenausweis?

Ich habe den Behindertenausweis zwar in meinem Portemonnaie aber benutzen tue ich ihn tatsächlich nur äußerst selten. Da ich immer noch nicht Vollzeit arbeiten kann, muss ich natürlich mit weniger Geld auskommen als andere. Daher benutze ich den Ausweis immer wenn man z.B. eine Ermäßigung auf Eintrittsgelder bekommen kann, wie z.B. in Museen. Letztens wollte ich mit meinem Freund in ein wirklich sehr teures Museum und ich fragte die Dame am Eingang, ob der Eintritt reduziert wäre mit einem Behindertenausweis und ob auch eine Begleitperson inkludiert wäre (im Ausland sehr häufig der Fall). Die Mitarbeiterin guckte langsam von einem zum anderen und man sah ihr förmlich an wie sie sich fragte, “Wer von den beiden soll denn bitte behindert sein und wer ist hier die Begleitperson?” Wir haben uns noch tagelang über die offensichtlichen Fragezeichen in ihrem Gesicht gefreut.

Darüber hinaus trage ich den Behindertenstatus natürlich in meiner Steuererklärung ein, da es steuerliche Vorteile bringt.

Was ich jedoch am Allerwichtigsten und Beruhigendsten finde, sind die Nachteilsausgleiche in Bezug auf die Teilhabe an der Arbeitswelt. Wie oft höre ich von anderen Migräne- oder Kopfschmerz-Betroffenen, dass sie trotz immenser Kopfschmerzen oder Migräneattacken nicht zuhause bleiben – aus Angst ihren Job wegen erhöhter Fehlzeiten zu verlieren. Durch den Kündigungsschutz sollte man sich natürlich dennoch verantwortungsvoll seinem Arbeitgeber gegenüber verhalten. Aber eben auch sich selbst gegenüber. Einfach immer ’ne Tablette einwerfen, ohne sich Ruhe zu gönnen oder auf die 10-20-Regel zu achten und somit eine extreme Verschlechterung seiner Krankheit oder sogar einen Medikamenten-Übergebrauchs-Kopfschmerz (MÜK) zu provozieren, hat noch keinem geholfen. Das Migränehirn möchte Ruhe und wenn es die nicht bekommt, wird es sich immer öfter und immer vehementer melden – davon bin ich überzeugt. Von daher kann der Behindertenstatus mit seinem krankheitsbedingten Kündigungsschutz oder der Woche Sonderurlaub im Jahr helfen, im Job zu bleiben und sich seine Auszeiten zu nehmen, ohne gestresst zu sein und Angst davor zu haben, seinen Arbeitsplatz zu verlieren.

Und natürlich kann einem/r Arbeitnehmer*in mit Behinderung dennoch gekündigt werden. Nur muss das Integrationsamt zustimmen und überprüfen, dass der/die Mitarbeiter*in nicht wegen der Einschränkungen durch die Behinderung gekündigt wird.

Man darf nicht vergessen, dass durch die Einstellung einer Person mit Behindertenstatus auch ein Unternehmen diverse Vorteile hat. So können diverse Fördermöglichkeiten beantragt werden, wie z.B. Zuschüsse durch die jeweiligen Integrationsämter (wenn der Behinderungsgrad mindestens 50 beträgt) oder auch Fördermittel durch die Bundesagentur für Arbeit. Darüber hinaus kann das Unternehmen für die Dauer von bis zu zwei Jahren ein Eingliederungszuschuss zum Gehalt (bis zu 70% des Gehalts) erhalten.2

Fazit

Die Beantragung eines Behindertenstatus kann sich in vielen Fällen lohnen. Sowohl auf Arbeitgeber- als auch auf Arbeitnehmer-Seite gibt es diverse Vorteile. Besonders wenn jemand finanziell durch seine Krankheit beeinträchtigt ist (Arbeitszeiten reduzieren musste oder sogar krank geschrieben oder berentet ist) oder wenn einem die vielen Fehlzeiten Sorge und Stress bereiten und man Angst hat dadurch seinen Arbeitsplatz zu verlieren, ist die Beantragung des Behindertenstatus eine gute Idee. Denn Sorgen und Stress sind nicht gerade heilungsfördernd und können dazu führen, dass die Krankheit sich verschlechtert. Der Behindertenstatus kann einem somit helfen eine bessere Selbstfürsorge zu betreiben.

Quellen
  1. Betanet: Schwerbehinderung Migräne. In Betanet.de, 02.12.2019, Date of Access: 20.06.2020 (https://www.betanet.de/migraene-schwerbehinderung.html)
  2. Wolf, D.: Behinderte Mitarbeiter einstellen. Die Vorteile für Arbeitgeber. In: Business-Wissen.de, 24.07.2019, Date of Access: 20.06.2020 (https://www.business-wissen.de/artikel/behinderte-mitarbeiter-einstellen-die-vorteile-fuer-arbeitgeber/)

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